„Jung kauft Alt“: Wie Hiddenhausen ein Förderprogramm für Familien erfand

24.08.26
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Hiddenhausen

Förderung für junge Familien

Foto: Christian Grube/Gemeinde Hiddenhausen

Die Ausgangslage in Hiddenhausen war so alarmierend wie in vielen ländlichen Regionen Deutschlands: Als die Gemeinde 2007 ihr Förderprogramm startete, deuteten Prognosen auf eine schrumpfende und alternde Bevölkerung hin. Gleichzeitig drohten immer mehr ältere Wohnhäuser in den Ortskernen leer zu stehen.

Und heute? Die Gemeinde Hiddenhausen hat mit ihrem Erfolgsprogramm "Jung kauft Alt" die Trendwende geschafft. In vielen der ehemals leerstehenden Dorfhäuser und Gehöfte wohnen junge Familien, ihre Kinder besuchen die örtlichen Kitas und Grundschulen, in den Zentren der sechs Ortsteile herrscht buntes Alltagsleben. Statt ausblutender Infrastruktur gibt es mehr Angebote – und aufgrund der steigenden Einwohnerzahl auch mehr Geld vom Bund.

Das erfahren Sie in diesem Artikel:

  1. Wie alles anfing: Konsequentes Umdenken − neue Strategien gegen den Wohnungsleerstand
  2. „Jung kauft Alt“: Das Erfolgskonzept in Hiddenhausen
  3. Vom kommunalen Programm zum Bundesvorbild
  4. Die Bundesförderung „Jung kauft Alt“ heute

Förderprogramm "Jung kauft Alt"

Seit September 2024 fördert die Bundesregierung den Wohneigentumserwerb von Familien mit dem Förderprogramm "Jung kauft Alt" ("Wohneigentum für Familien − Bestandserwerb"). Es soll junge Familien beim Kauf und der Sanierung von Bestandsimmobilien unterstützen.

Der Namensgeber und Erfinder dieses Förderprogramms war die kleine ostwestfälische Gemeinde Hiddenhausen, über die wir hier (erstmalig bereits im Jahr 2020) in dieser Reportage berichten. Damals wie heute ist das Förderprogramm hochaktuell und wird weiterhin mit Erfolg durchgeführt.

Wie alles anfing: Konsequentes Umdenken − neue Strategien gegen den Wohnungsleerstand

Alexander Graf leitet in Hiddenhausen das Amt für Gemeindeentwicklung.
Alexander Graf begleitete jahrelang als Amtsleiter des Amts für Gemeindeentwicklung das Programm "Jung kauft Alt" in Hiddenhausen.
Christian Grube/Gemeinde Hiddenhausen

Hiddenhausen wird schrumpfen. Darauf deuteten 2007 Prognosen hin, die die Gemeinde in Auftrag gegeben hatte. Indiz dafür: Die Haushalte mit über 70-Jährigen wurden immer mehr, junge Menschen blieben immer seltener in den Dörfern der Gemeinde.

Zeit für ein konsequentes Umsteuern. Die Gemeinde traf sich an einem Runden Tisch mit Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern, Immobilienmaklern, Wohnbaugesellschaften sowie Vertretern von Banken und Sparkassen, um eine passende Strategie zu entwickeln.

Die neue Strategie „Jung kauft Alt“ war so einfach wie effizient:

  • Es werden keine Neubaugebiete am Rand der Ortsteile mehr ausgewiesen.
  • Stattdessen werden jüngere Menschen dabei unterstützt, ein bestehendes, mindestens 25 Jahre altes Haus zu erwerben und zu bewohnen.

„Damit hat die Gemeinde den Leerstand bei Wohnimmobilien in den Ortskernen gestoppt und den Strukturwandel in den Dörfern frühzeitig eingeleitet, um auch in Zukunft ein lebendiges und junges Leben im Dorf zu etablieren“, resümierte Alexander Graf, der damalige Leiter des Amts für Gemeindeentwicklung.

„Jung kauft Alt“: Das Erfolgskonzept in Hiddenhausen

Als Hiddenhausen 2007 mit „Jung kauft Alt“ startete, war die Idee ungewöhnlich: Statt neue Baugebiete auszuweisen, wollte die Gemeinde vorhandene Häuser wieder mit Leben füllen. Deshalb unterstützte sie Käufer dabei, ältere Immobilien zu übernehmen und zu sanieren.

Das Prinzip gilt bis heute als kommunales Förderprogramm der Gemeinde Hiddenhausen. Gefördert werden dort unter anderem der Kauf eines mindestens 25 Jahre alten Hauses, ein Altbaugutachten und die energetische Verbesserung des Gebäudes. Beim Hauskauf sind über mehrere Jahre hinweg Zuschüsse von insgesamt bis zu 9.000 Euro möglich.

Hideenhausen; typischer Scheunenbau
Ein Beispiel für eines der instandgesetzten Objekte in Hiddenhausen: ein für Ostwestfalen typischer Scheunenbau.
Foto%3A Christian Grube/Gemeinde Hiddenhausen

Eine Erfolgsbilanz

Dass die Strategie funktioniert, zeigte sich auch im Alltag: Die Straßenzüge der sechs Dörfer der Gemeinde Hiddenhausen wurden belebter. Und auch die Ortsbilder profitierten von der gestoppten Zersiedelung der Landschaft.

Der Teufelskreis, unter dem so viele Landgemeinden leiden, war gebrochen:

zerfallende Ortszentren
→ wachsende Neubaugebiete entlang den Ausfallstraßen
→ dadurch wiederum Abfließen der Kaufkraft
→ weiteres Wegbrechen der Infrastruktur

Die Statistik bestätigte den optischen Eindruck: Wanderten 2007 noch 203 Menschen mehr aus Hiddenhausen ab als zu, wies die Bilanz schon 2010 ein Plus von 119 Personen aus. Im Jahr 2024 lag das Plus sogar bei 318, im Jahr 2025 bei 276 Zuzügen.

Wegen des großen Erfolgs beschloss der Gemeinderat einstimmig, „Jung kauft Alt“ in Hiddenhausen unbefristet fortzuführen. Seit Einführung des Programms ist die Gemeinde vielfach dafür ausgezeichnet worden.

Altbau in Hiddenhausen
Ein alltäglicher Anblick in Hiddenhausen: Instandsetzungsarbeiten im Altbaubestand.
Foto: privat

Die Gemeinde wächst

Landgemeinde Hiddenhausen
Junges Leben im Dorf: Über 300 Kinder wurden seit dem Start von „Jung kauft Alt“ in den geförderten Immobilien von Hiddenhausen geboren.
Foto privat

Die Bilanz kann sich sehen lassen: Seit dem Start von „Jung kauft Alt“ im Jahr 2007 wurden in Hiddenhausen 926 Altbauten über das Programm gefördert. In den Förderhaushalten leben aktuell 1.225 Kinder (Stand 2026).

Die Familienstruktur zeigt, dass das Programm seine Zielgruppe – junge Paare und Familien mit Kindern – erreicht: Aktuell sind rund 54 Prozent der geförderten Haushalte Familien mit Kindern, weitere rund 2,5 Prozent Alleinerziehende mit Kindern. Junge Paare, die noch keine Kinder haben, machen rund 21 Prozent aus. Damit lebt in deutlich mehr als der Hälfte der geförderten Haushalte bereits eine Familie mit Kindern.

Jeder der sechs Ortsteile kann einen eigenen Kindergarten und eine eigene Grundschule anbieten. Die offene Ganztagsbetreuung wurde ausgebaut. Und: Durch die Konzentration auf bestehende Gebäude und Wiederbelebung der Altbauten wurden, so rechnet die Gemeinde vor, bislang rund 60 Hektar zusätzliche Siedlungs- und Verkehrsfläche eingespart – das entspricht etwa 83 Sportplätzen.

Auch fast 20 Jahre nach dem Start wird „Jung kauft Alt“ in Hiddenhausen weitergeführt. Die Förderrichtlinien wurden zuletzt im Juli 2026 angepasst.

Neubürger bringen Ideen ein – das Beispiel von Familie Brinkmann

Bauherren Heiko und Silke Brinkmann in Hiddenhausen
Heiko und Silke Brinkmann mit ihrem Sohn Gustav stehen stellvertretend für den Erfolg des kommunalen Förderprogramms.
Foto: Christian Grube/Gemeinde Hiddenhausen

Viel wichtiger als die nackten Zahlen: Die Familien, die das Programm in Anspruch nehmen, identifizieren sich mit „ihrem“ Dorf. Sie schätzen die oft großzügigere Bauweise der alten Häuser mit ihren meist viel größeren Grundstücken im Vergleich mit den üblichen Neubaugebieten. Außerdem liegt in den gewachsenen Ortskernen alles ganz nah beieinander: Schulen, Läden, Behörden, Kirche.

Manche der neu Hinzugezogenen bringen sogar gute Ideen zur Verbesserung der Infrastruktur mit. So etwa Familie Brinkmann, die einen kleinen, gut erhaltenen Hof übernehmen konnte. Die Bauherrin hat ein Tagesbetreuungskonzept mit Naturnähe für Kleinkinder entwickelt: mit geduldigen Pferden, deren Koppel ans Naturschutzgebiet grenzt, mit saisonalem Gemüsegarten und gemeinsamem Marmeladekochen. Binnen kurzer Zeit war die kleine Kindergruppe komplett.

Verschiedene Handwerker arbeiten gleichzeitig im Dachgeschoss

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Vom kommunalen Programm zum Bundesvorbild

Der damalige Amtsleiter Graf und Bürgermeister Ulrich Rolfsmeyer und Kollegen tourten damals durch viele ländliche Regionen der Republik, um ihr Konzept vorzustellen. Auch mit Förderberatungsstellen und Immobilienexperten führen sie viele Gespräche. Und so machte die Idee über Hiddenhausen hinaus Schule: Zahlreiche Städte und Gemeinden, von Niedersachsen über Sachsen-Anhalt bis Bayern, etablierten das Programm, meist unter demselben Namen. Mal muss das Haus 50 Jahre alt sein, mal gibt es mehr Geld – jede Kommune kann das im Grunde einfache und flexible Steuerungsinstrument auf die Bedürfnisse vor Ort zuschneiden.

Seit 2024 gibt es auch ein bundesweites KfW-Programm mit dem Namen „Jung kauft Alt“. Es greift die gleiche Grundidee auf, ist aber ein eigenständiges staatliches Förderangebot mit anderen Voraussetzungen und deutlich höheren Kreditsummen.

Die Bundesförderung „Jung kauft Alt“ heute

Seit September 2024 fördert die Bundesregierung den Wohneigentumserwerb von Familien mit dem Förderprogramm "Jung kauft Alt". Der Namensgeber und "Erfinder" war die Gemeinde Hiddenhausen, über die wir hier (erstmalig bereits im Jahr 2020) berichten.

Das deutschlandweite KfW-Programm „Wohneigentum für Familien – Bestandserwerb“ (Jung kauft Alt) richtet sich an Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind, die erstmals Wohneigentum erwerben, selbst einziehen und ein Haus oder eine Wohnung der Energieeffizienzklasse F, G oder H kaufen.

Seit 3. August 2026 gelten deutlich verbesserte Konditionen: Die maximalen Förderkredite wurden angehoben, gleichzeitig wurden die Sanierungsvorgaben flexibler. Die Immobilie muss zwar weiterhin innerhalb von 54 Monaten energetisch saniert werden, dies ist nun aber alternativ auch über bestimmte energetische Einzelmaßnahmen möglich.

Tipp: Eine Übersicht der aktuellen KfW-Förderungen, bei der auch „Jung kauft alt“ mit gelistet ist, findet sich auf der Website der Wüstenrot Bausparkasse.

Hinweis: Ein Kredit ist mit Kosten verbunden.