Drei Wege nach oben: Haus aufstocken
So schaffen Sie eine neue Etage, ohne Bauland zu kaufen
Die Kinder werden größer, das Homeoffice platzt aus allen Nähten oder die Großeltern sollen mit einziehen: Wenn der Platz im Eigenheim knapp wird, denken viele Eigentümer sofort an einen Anbau. Doch was tun, wenn das Grundstück zu klein ist oder man den geliebten Garten nicht zubetonieren möchte? Die Lösung liegt nicht neben, sondern auf dem Haus. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihr Haus aufstocken, welche Bauweisen sich lohnen und wie Sie aus einem alten Satteldach oder Bungalow ein Raumwunder machen.
Das erfahren Sie in diesem Artikel:
Haus aufstocken: Welche Möglichkeit passt zu mir?
Nicht jedes Haus ist gleich, und nicht jedes Dach bietet dieselben Voraussetzungen. Grundsätzlich unterscheiden Experten zwischen drei Hauptmethoden, um durch eine Erhöhung des Gebäudes neuen Platz zu schaffen. Welche für Sie infrage kommt, hängt vom Bestand und Ihrem Platzbedarf ab.
1 Den Kniestock erhöhen bzw. das Dach hydraulisch anheben
Diese Variante ist ideal, wenn Sie bereits ein Satteldach haben, der Dachboden aber bisher eher als Rumpelkammer oder Kriechboden dient, weil die Schrägen zu tief ansetzen. Das Problem ist hier der sogenannte Kniestock. Der Kniestock (oft synonym als Drempel bezeichnet) ist die statisch tragende Außenwand, auf der Ihr Dach ruht. Ist diese Wand sehr niedrig, haben Sie kaum lichte Stehhöhe.
Bei dieser Methode wird der Kniestock um etwa 80 bis 120 Zentimeter erhöht. Dafür wird er entweder aufgemauert oder in Holzbauweise aufgesetzt. Der Effekt im Innenraum ist verblüffend: Wo vorher kaum ein Schrank stehen konnte, entstehen plötzlich vollwertige Räume mit einer angenehmen Raumhöhe von über 2,30 Metern.
Der Clou mit der Hydraulik: Früher war diese Methode sehr aufwendig, weil das gesamte Dach abgetragen und später neu gebaut werden musste. Heute gibt es clevere Verfahren, bei denen der komplette, intakte Dachstuhl erhalten bleibt. Mithilfe einer computergesteuerten Hydraulikanlage wird das gesamte Dach „am Stück“ angehoben. In den entstehenden Spalt werden die neuen Wandelemente eingesetzt. Danach wird das Dach wieder abgesenkt und verankert. Das spart Materialkosten und Zeit. Die Hydraulik-Methode eignet sich vor allem für intakte, neuere Dächer.
2 Die volle Dachaufstockung mit neuem Geschoss
Wenn Sie maximalen Raum gewinnen wollen – etwa für eine komplette zweite Wohneinheit – ist die volle Dachaufstockung der richtige Weg. Hierbei wird das alte Dach komplett entfernt. Auf die bestehende Geschossdecke wird ein neues, vollwertiges Geschoss mit geraden Wänden gesetzt.
Oben drauf kommt dann ein neues Dach. Oft entscheiden sich Bauherren hier für ein flaches Pultdach oder ein Flachdach, um dem Haus einen modernen, kubischen Look zu geben. Das hat den Vorteil, dass im neuen Obergeschoss keinerlei Raumverlust durch Schrägen entsteht. Diese Methode macht aus einem eingeschossigen Haus quasi über Nacht ein zweigeschossiges Einfamilienhaus oder ein Zweifamilienhaus.
3 Spezialfall: das Flachdach oder den Bungalow aufstocken
Besitzen Sie einen Bungalow? Dann sitzen Sie auf einem Schatz. Die Aufstockung eines Bungalows gilt als die „Königsdisziplin“, bietet aber auch das größte Potenzial. Da Bungalows eine sehr große Grundfläche haben, verdoppeln Sie mit einem neuen Stockwerk die Wohnfläche oft erheblich – häufig entstehen 100 bis 150 Quadratmeter neuer Raum auf einen Schlag. Technisch ist das oft einfacher als bei alten Satteldachhäusern, da Bungalows häufig über sehr massive Betondecken verfügen, die die Last eines neuen Stockwerks (besonders in Leichtbauweise) gut tragen können. Aus dem flachen Bau wird so ein stattliches Einfamilienhaus. Die Statik muss aber in jedem Fall überprüft werden.
Holz oder Stein? Eine Frage der Statik
Wenn die Entscheidung gefallen ist, ein Haus aufzustocken, stellt sich die Frage nach dem Material. Soll klassisch „Stein auf Stein“ gemauert werden, oder setzt man auf vorgefertigte Holzelemente?
Der Favorit: Holzrahmenbau
In der Praxis hat sich bei Aufstockungen der Holzrahmenbau (bzw. Holztafelbau) als klarer Favorit durchgesetzt. Das hat vor allem statische und bauphysikalische Gründe:
- Geringes Eigengewicht: Alte Häuser haben Fundamente, die für das ursprüngliche Gewicht des Gebäudes ausgelegt sind. Ein neues Geschoss aus schwerem Mauerwerk und Beton könnte das alte Fundament überlasten. Holz ist deutlich leichter und schont die Statik des Bestandsgebäudes.
- Trockene und schnelle Bauweise: Holzelemente werden im Werk vorgefertigt und inklusive Dämmung (oft bereits mit Fenstern) zur Baustelle geliefert. Ein Kran hebt die Wände an einem einzigen Tag ein. Abends ist das Haus oft schon regendicht. Außerdem bringen sie keine Baufeuchte in den Altbau ein.
Die Alternative: Massivbau
Eine Aufstockung in Massivbauweise ist meist nur dann eine Option, wenn der Bestand ebenfalls sehr massiv ist und ein Statiker die zusätzliche Last freigibt. Oft greift man hier auf Porenbeton zurück, da dieser leichter ist als klassische Ziegel oder Kalksandstein. Nachteil sind die deutlich längere Bauzeit und die einzuhaltenden Trocknungszeiten. Für den Schallschutz kann mehr Masse jedoch vorteilhaft sein.
Darf ich mein Haus überhaupt so einfach aufstocken?
So verlockend die Idee ist: Sie können nicht „einfach“ loslegen. Deutschland ist ein Land der Vorschriften, und das gilt auch für den Weg nach oben. Bevor Sie den ersten Handwerker beauftragen, müssen zwei Hürden genommen werden.
- Die Statik
Das ist der wichtigste Punkt. Ein Statiker muss prüfen, ob die Tragwände und das Fundament Ihres Hauses das Gewicht einer Aufstockung aushalten. Manchmal sind Verstärkungen notwendig, was die Kosten treibt. Hier punktet, wie erwähnt, die leichte Holzbauweise.
- Das Baurecht (Bebauungsplan)
Ein Blick in den örtlichen Bebauungsplan (B-Plan) ist unverzichtbar. Er regelt, was in Ihrem Wohngebiet erlaubt ist. Achten Sie auf folgende Kennzahlen:
- Geschossflächenzahl (GFZ): Die GFZ gibt an, wie viel Quadratmeter Geschossfläche im Verhältnis zur Grundstücksfläche zulässig sind. Ist sie bereits ausgeschöpft, wird eine zusätzliche Geschossfläche nur in Ausnahmefällen genehmigt.
- Geschossigkeit: Darf in Ihrer Straße überhaupt zweigeschossig gebaut werden? Manchmal schreibt der Bebauungsplan „eingeschossige Bauweise“ vor.
- Der Kniestock-Trick: Wenn nur ein Vollgeschoss erlaubt ist, kann die Kniestockerhöhung (Methode A) oft die Lösung sein. Da dabei Dachschrägen erhalten bleiben, gilt das neue Stockwerk baurechtlich häufig nicht als „Vollgeschoss“ (je nach Landesbauordnung), obwohl Sie faktisch vollwertigen Wohnraum gewinnen.
- Höhenbegrenzung: Firsthöhe und Traufhöhe sind meist festgelegt. Auch der Abstand zum Nachbarn muss durch die Erhöhung oft neu berechnet werden (Abstandsflächen).
Wichtig: Beginnen Sie niemals ohne Baugenehmigung! Die Behörden können im schlimmsten Fall den Rückbau verlangen.
Wohnen während der Bauphase
Eine der größten Sorgen von Eigentümern ist die Wohnsituation während des Umbaus. Müssen Sie für Wochen ins Hotel oder zu Verwandten ziehen?
Die gute Nachricht: Bei einer Aufstockung mit Fertigteilen können Sie in der Regel im Erdgeschoss bleiben. Da der „Deckel“ (Dach oder Decke) meist innerhalb von ein bis zwei Tagen geschlossen ist, bleibt die Belastung durch Witterung minimal. Der eigentliche Innenausbau (Trockenbau, Bodenbeläge, Malerarbeiten) findet im neuen Obergeschoss statt, während Sie unten Ihr gewohntes Leben weiterführen. Natürlich wird es an einigen Tagen laut und staubig, besonders bei Treppendurchbrüchen, aber ein Auszug ist selten zwingend nötig. Beachten Sie jedoch: Wenn die neue Etage an Heizung, Wasser und Strom angeschlossen wird, kann es zu kurzzeitigen Unterbrechungen der Versorgung im ganzen Haus kommen. Hier ist gute Absprache mit den Installateuren gefragt.
Was kostet es, ein Haus aufzustocken?
Da jedes Haus und jede Statik individuell sind, dienen diese Werte (Stand 2026) als grobe Orientierung.
- Kniestockerhöhung: Rechnen Sie mit ca. 000 bis 1.800 Euro pro Quadratmeter.
- Schlüsselfertige Aufstockung (Vollgeschoss): Hier liegen die Preise oft zwischen 200 und 3.500 Euro pro Quadratmeter.
- Nebenkosten: Vergessen Sie nicht die Kosten für Architekt (ca. 10-15 Prozent der Bausumme) und Statiker.
Fazit: Haus aufstocken schafft viel Wohnfläche mit überschaubaren Kosten
- Haus aufstocken gehört zu den nachhaltigsten Formen der Nachverdichtung, da keine neue Fläche versiegelt wird und bestehende Infrastruktur weitergenutzt werden kann.
- Der erste Schritt führt immer zum Bauamt (Bebauungsplan prüfen) und zum Statiker. Ohne diese „Go“-Signale geht nichts.
- Die Holzrahmenbauweise ist für Aufstockungen ideal: sie ist leicht, schont die Statik und lässt sich extrem schnell montieren.
- Ob Sie nur den Kniestock anheben oder komplett aufstocken, hängt vom Bestand ab. Beide Methoden schaffen erheblichen Raumgewinn.
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