Bauplanung

Baugruppenprojekt in Holzbauweise

Altes Garmisch neu belebt

Foto: Stefan Müller-Naumann

Holz ist sowohl konstruktives als auch dekoratives Baumaterial. Und das schon, seit der Mensch sesshaft wurde. Bei diesem Baugruppenprojekt in Garmisch-Partenkirchen wurde der traditionelle Baustoff in vorgefertigten Brettsperrholz-Elementen eingesetzt. Diese erlauben verhältnismäßig große Spannweiten, sodass in den unterschiedlich breiten Haustypen eine flexible Aufteilung möglich ist: von der kleinen Gewerbeeinheit oder einer Einliegerwohnung über Lofts bis zum großen, traditionell zugeschnittenen Reihen- oder Doppelhaus.

Nachhaltig Bauen in der Baugruppe

Mit modernen Stilmitteln und hohem technischen und gestalterischen Anspruch, alpenländisches Bauen neu zu interpretieren – das ist den Münchner Architekten Beer Bembé Dellinger gemeinsam mit dem Netzwerk Bauzeit beim Baugruppenprojekt in Garmisch-Partenkirchen gelungen.

Bauzeit ist ein Netzwerk von Dienstleistern, bestehend aus Architekten, Landschaftsplanern, Baujuristen, Energieplanern und Bankern, die sich zum nachhaltigen Bauen in Sinne der Agenda 21 verpflichtet haben.

„Wir erbringen dabei ausschließlich Leistungen, die dem Anspruch der Nachhaltigkeit genügen und bekennen uns mit guter Gestaltung zu den Prinzipien zeitgemäßer Architektur, zu guter Form, zu Qualität und zu Wertbeständigkeit“, stellt sich das Netzwerk mit Sitz in Münsing am Starnberger See vor. „Wir verstehen uns dabei nicht als Dienstleister für einzelne Bauherren, denen wir jeden Wunsch erfüllen, sondern als sozialer und kultureller Dienstleister für die Gesellschaft.“

Experten begleiten die Baugruppe und das Bauprojekt

In Baugruppensitzungen wurden alle gemeinschaftlichen Entscheidungsprozesse bis zur Fertigstellung des Projekts durch das Netzwerk Bauzeit moderiert.
Foto: Beer Bembé Dellinger Architekten

Doch Baugruppenarbeit besteht nicht nur aus Planen und Bauen. Baugemeinschaften werden von unterschiedlichen Fachleuten durch das ganze Projekt begleitet.

Wie funktionierte gemeinsames Bauen in Garmisch ganz praktisch?

Nach Gründung der Baugruppe erarbeitete das Netzwerk Bauzeit die inhaltliche Konzeption, übernahm das wirtschaftliche Projektmanagement und beriet die Baugruppenmitglieder bei der Finanzierung und den Vertragsabschlüssen. Bei der Umsetzung moderierte das Netzwerk in Baugruppensitzungen alle gemeinschaftlichen Entscheidungsprozesse bis zur Fertigstellung des Projekts. An diesen Leistungsphasen waren alle Netzwerkmitglieder – also Architekten, Fachplaner, Banker und Juristen – je nach Fachgebiet mehr oder weniger beteiligt.

Das Projekt an der Krankenhausstraße in Garmisch-Partenkirchen ergänzt ein innerörtliches historisch gewachsenes Areal: Vier historische Gebäude wurden in die Neubebauung integriert.
Foto: Beer Bembé Dellinger Architekten

Sensibel auf den Ort reagiert

Das Projekt an der Krankenhausstraße in Garmisch-Partenkirchen nutzt ein innerörtliches Areal um und ergänzt die Umgebung mit einer neuen Nutzungsmischung. Vier historische Gebäude wurden in die Neubebauung integriert. Im Süden sorgt die geschlossene Hotelbebauung für einen baulichen Lärmschutz gegenüber der stark befahrenen St.-Martin-Straße. Die mit Brettsperrholz ausgeführten Reihen- und Doppelhäuser sowie teilweise Geschosswohnungsbauten umschließen einen gemeinschaftlich genutzten Anger, dessen Blickachse auf die Pfarrkirche und einen Ausläufer des Garmisch-Partenkirchener Hausbergs Kramerspitz ausgerichtet ist. Die Fassadengestaltung orientiert sich an der im Alpenraum traditionell üblichen Holzbauweise.

Durch die Neuordnung des Areals bot sich nach Aussage der Architekten nicht nur die Möglichkeit, schrittweise ein neues, gemischt genutztes Quartier zu entwickeln, sondern auch die Chance, Impulse und Engagement von Bürgerseite für eine nachhaltige und zukunftsfähige Entwicklung ihrer Stadt aufzunehmen, zu unterstützen und umzusetzen.

Das Projekt kombiniert Wohnen mit privatem Arbeiten, Kreativwerkstätten, einer Eisstockmanufaktur sowie einem Hotel mit Tagungsbereich und Café. Die Baugemeinschaft stimmte die Entwicklung sowie die Nutzungsmischung während des Planungs- und Bauprozesses eng mit den Ortsansässigen ab.

„Die Gebäude für insgesamt 29 Parteien mit Wohnflächen zwischen 30 und 170 m² und einem nachhaltigen Hotel überzeugen durch die sensible Ergänzung des Ortsbildes, verdichtetes Bauen und durch nachhaltiges Bauen mit Holz“, urteilte die Jury des Holzbaupreises Bayern, die das vielfach ausgezeichnete Projekt 2018 ebenfalls mit einem Preis bedachte.

Das Projekt überzeugt durch die sensible Ergänzung des Ortsbildes, verdichtetes Bauen und durch nachhaltiges Bauen mit Holz.
Foto: Stefan Müller-Naumann

Flexibles Baukasten-System sorgt für bunten Wohnungsmix

Ein flexibles Hauskonzept aus 2-geschossigen Wohneinheiten mit seitlich angeordneter Erschließung bietet eine Vielzahl möglicher Grundrisse für unterschiedliche Nutzerprofile.

Der vorgeschlagene Typenbaukasten ermöglicht unterschiedliche Wohnungsgrößen - von großzügigem Loftwohnen ohne die Einteilung in einzelne Zimmer bis hin zu klassischen Wohnungsgrundrissen. Durch Nachrüstung von Erschließungszonen an dafür im Baukasten definierten Stellen können für jede Hauseinheit Einliegerwohneinheiten im EG oder OG geschaltet und zusätzliche Räume z.B. für die Großeltern, für Kinder in Ausbildung oder für das Home Office geschaffen werden. Mit dem unterschiedlich großen Wohnangebot werden unterschiedliche Zielgruppen angesprochen – auch in Hinblick auf unterschiedliche finanzielle Budgets.

 

Der vorgeschlagene Typenbaukasten ermöglicht ganz unterschiedliche Grundrisse, vom offenen Loft bis zum klassischen Familiengrundriss.
Zeichnung: Beer Bembé Dellinger Architekten

Historische Bauformen modern interpretiert

Nicht nur in Hinblick auf die Bautradition der Region, auch aus Gründen der zu überbrückenden Spannweiten waren die Gebäude für einen Holzbau in Vorfertigung prädestiniert. Ausgehend von historischen Bauformen konnten Elemente der ortsüblichen Bauweise in moderne Gestaltung übersetzt werden. Dafür wurde ein Holzbausystem in vorgefertigter Holztafelbauweise (Brettsperrholz) entwickelt, das großzügiges Loft-Wohnen ebenso wie die Anordnung einzelner, abgeschlossener Zimmer ermöglicht.

Gestaffelt um einen gemeinschaftlichen Wohnhof entstand auf Basis zweier unterschiedlich breiter Haustypen eine neue Nachbarschaft, die sich räumlich mit ihrem Umfeld vernetzen kann. Typische alpenländische Formen wie auskragende Balkone wurden modern interpretiert. Damit bilden sie an den beiden gegenüberliegenden langen Häuserreihen einen schönen Übergangsbereich zu einem offenen Dorfplatz. Eine große Quartiersgarage hält die privaten und öffentlichen Räume ringsum autofrei.

Fotos: Stefan Müller-Naumann (links), Beer Bembé Dellinger Architekten (rechts)

Moderne Holzbauten bieten nicht nur Top-Dämmwerte, sondern auch große Spannweiten und damit im Gegensatz zu früher auch offene Raumfluchten mit großen Fensterflächen. Neben sogenannten Holz-Leichtbau-Konstruktionen gibt es auch tragende Massivholzwände, bei denen die Holzoberflächen sichtbar bleiben oder an der Fassade von einer Lamellen- oder Bretterschalung ergänzt werden.

Hausreportage: Holzhäuser

  • Den Baustoff Holz hat der Architekt Michael Kühnlein bei dem Einfamilienhaus aus unserer Reportage sehr eindrucksvoll in Szene gesetzt. Außen und innen spielt der natürliche, nachwachsende Rohstoff die Hauptrolle. »Wohnen im Holzhaus
  • In unserer Baureportage zeigen wir anhand vieler Schritt-für-Schritt-Bilder, wie der Rohbau eines Massivholzhauses in Tafelbauweise innerhalb von 5 Tagen errichtet wird. »Baureportage: Wie entsteht ein Massivhaus aus Holz?

Architekturpreise

Foto: Stefan Müller-Naumann

Mehrfach preisgekrönt – diese Architekturpreise würdigen die Qualität des Baugruppenprojekts in Garmisch-Partenkirchen:

  • Bundeswettbewerb „HolzbauPlus“: Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen 2018 (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft)
  • Holzbaupreis Bayern 2018 (Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten)
  • BDA Preis Bayern 2019 (Bund Deutscher Architekten)
  • DETAIL Preis 2018 (Architekturzeitschrift)
  • Preis für Baukultur der Metropolregion München (Wirtschaftsvereinigung)
  • 4. Wessobrunner Architekturpreis.

Unsere Website setzt Cookies ein – durch die Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden. Hier finden Sie unsere Datenschutzerklärung

Einverstanden