Buchempfehlung für Weihnachten

Mit diesem Buch bereiten Sie anderen eine Freude

Sie brauchen ein Geschenk für die Eltern, Tante und Onkel oder den lieben Kollegen? Mit diesem Titel liegen Sie bei (fast) jedem goldrichtig.

Lesen Sie hier einen Gastbeitrag von Rainer Horn und seine Buchrenzension zu Bill Brysons "Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge".

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Ich habe einen Leitsatz. Hier ist er: Für vier Sachen lohnt es sich zu kämpfen: Für Bücher, Bier, Bargeld und Sonntage. Hier mein Kampf für das erste: Bücher. Meine Empfehlung will ich nicht zurückhalten. Lesen Sie ein Buch! Heute aber nicht irgendeines, sondern eins von einem Bill. Nicht Buffalo Bill, aber auch Amerikaner.

Haben Sie Kinder? Enkel? Neffen? Nichten? Oder waren Sie mal ein Kind?

Ich bin mit Söhnchen Emil beim Tanken. Tankstutzen rein in die Öffnung. Draufdrücken und den Hebel feststellen. Dann rumschauen. Papa, was ist Diesel? Emil, Diesel ist ein Kraftstoff. Damit fährt das Auto. Emil: Papa, wo kommt Diesel her? Ich: Diesel wird aus Erdöl raffinieriert – also da draus gemacht. Emil: Warum? Ja, weil man hat rausgefunden, dass da Öl aus dem Boden sprudelt. Das hat dann auch gebrannt. Dann hat man gemerkt: Da draus kann man… Emil: Warum hat das gebrannt? Ich: ähm. ähm.

In der Schule hat eine Psychologin mal den Eltern einen Tipp gegeben: Zeigen Sie Ihren Kindern, wie interessant die Welt ist. Recht hat sie. Aber was soll ich sagen, wenn ich nix weiß? Wir alle laufen zum Beispiel in unserem Haus oder unserer Wohnung rum. Da ist der Flur. Warum eigentlich ein Flur? Braucht man den? Gibt es Häuser ohne Flur? Flur ist doch auch draußen, eine Wiese, ein Wald. Eine Flur. Also: ich hab keine Ahnung. Dann weiter, rein in die Küche. Warum eigentlich Küche? Na, das ist einfacher. Wegen dem Kochen. Früher offenes Feuer. Rauch überall. Seit wann gibt es einen Kamin, einen Dunstabzug, eine Vorratskammer, eine Herdplatte, einen Kühlschrank und ein Eisfach? Ich hab keine Ahnung. Jetzt, das Wohnzimmer. Nein, ich hab gar keins. Das hatten meine Eltern. Da war man sonntags drin mit dem Besuch. Oder mal für den Adventskaffee. Immer mit gepolsterten Möbeln. Immer mit Sofa. Unser Sofa ist von 1938. Hatten die Römer auch ein Sofa? Gab es das schon im Mittelalter? Konnte sich ein Ritter in seiner Burg auf das Sofa werfen? Ich glaub nicht. Also auch wieder: keine Ahnung.

Tatsache ist: Wir alle gehen ahnungslos durch unsere Häuser und Wohnungen und haben keine Ahnung. Und können es unseren Kindern, Enkeln, Neffen, Nichten und Tanten nicht erklären. Ich hab einen gefunden, der es erklären kann.

Er ist Amerikaner und heißt Bill. Bill Bryson. Lebt in Großbritannien. In einem Pfarrhaus von 1851. Der weiß das alles, was ich grad so gefragt habe. Er weiß, dass Jethro Tull die Sämaschine erfand. Also eine Maschine, die die Samen in die Erde legt. Damit sie dann keimen, wachsen, eine Pflanze werden, Früchte schieben und reif werden können. Aber dieser Jethro Tull war nicht der Mann mit der Querflöte in der Rockband mit diesem Namen. Sondern die Rockband hat den Namen von dem Mann, der die Sämaschine erfand. Bill Bryson weiß, wer das Sofa erfand. Nämlich ein Herr Chippendale. Hat aber nix mit diesen halbnackten tanzenden Sängern zu tun, die sich „The Chippendales“ nennen und die Frauen zum Kreischen bringen. Bill Bryson weiß, dass ein Ehepaar bei einer Bergwanderung am 19. September (mein Geburtstag!) den Ötzi gefunden hat. Also diesen mumifizierten Mann, der vor 5000 Jahren gelebt hat. Bill Bryson weiß, wo die ältesten Häuser stehen. In Schottland. Auf den Orkney-Inseln. Whisky-Freunde kennen Orkney. Wegen Highland-Park. Also: die ältesten Häuser in Schottland. Älter als die Pyramiden. Wer hätte das gedacht? Und dann hat der Herr Bryson (obwohl Amerikaner) diesen feinen hübschen abgründigen britischen Humor: „Von 1200 Leichen, die zwischen 1860 und 1880 ausgegraben wurden, wiesen sechs „Post-Bestattungs-Stress-Syndrome“ auf. Wie bitte? Ach so, die lebten im Sarg noch etwas weiter.

Also, nochmal: Im 1851 gebauten Pfarrhaus unternimmt Bill Bryson Ausflüge in die Geschichte der Dinge. In der Küche wird eine Geschichte des Kochens, der Ernährung und der Nutzpflanzen erzählt. Im Ankleidezimmer (ja, das gab es schon 1851!) eine Geschichte der Stoffe und Bekleidung. Und im Flur geht’s über die frühere Nische fürs Telefon in eine kurze Geschichte der Elektrifizierung, Beleuchtung und der Telefoniererei. Gekonnt zoomt Bill Bryson vom kleinen Detail aufs große Ganze der Weltenläufe – und wieder zurück.

Wir lernen: Technische und kulturelle Innovationen geschehen ähnlich der natürlichen Evolution zufällig, systematisch, chaotisch, geplant und manchmal auch gleichzeitig. Nichts ist so mächtig wie eine kulturelle Idee, deren Zeit reif ist: „Ackerbau und Viehzucht wurden unabhängig voneinander mindestens siebenmal erfunden – in China, Neuguinea, den Anden, Mexiko, Westafrika, im Nahen Osten und im Amazonasbecken. Auch Stadtsiedlungen entstanden gleichzeitig an sechs verschiedenen Orten – in China, Ägypten, Indien, Mesopotamien, Mittelamerika und in den Anden.“ Selbst Hunde wurden zeitgleich an drei Orten der Welt mit auf die Jagd genommen. Und wurden zum ersten echten Haustier und Begleiter des Menschen. Vor 30.000 Jahren. Obwohl der Begriff Haustier irgendwie nicht stimmt, denn wahrscheinlich gabs da noch kein Haus. Also Zelt- oder Höhlentier. Der Hund, das erste Zelttier des Menschen.

In der Küche natürlich das Essen. Das verdarb früher nur allzu gern. Die Verdosung zur Haltbarmachung von Nahrung war schon 1810 da. Aber der Durchbruch kam erst hundert Jahre später mit der Erfindung von dünnem Stahlblech, arbeitsteiliger Fertigung – und der Erfindung einer praktischen Methode des Öffnens, wie Bryson anschaulich schildert:

"Die ersten Behälter waren aus Schmiedeeisen, deshalb schwer und praktisch nicht zu öffnen. Bei einem Konserventyp lieferte man die Anweisung, wie sie mit Hammer und Meißel zu öffnen seien, gleich mit. Soldaten attackierten sie vorzugsweise mit dem Bajonett oder beschossen sie mit Kugeln. Damit aus der Erfindung was wurde, musste man auf die Entwicklung leichter Materialien warten, um dann die Dosen auch in Massen produzieren zu können. Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Arbeiter – wenn er sich ranhielt – ungefähr 60 Dosen am Tag herstellen konnte, warfen im Jahr 1880 Maschinen täglich 1.500 aus. Nur das Öffnen blieb noch sehr lange ein Riesenproblem. Verschiedene Geräte wurden patentiert, doch leicht zu handhaben war keines, und manches hochgefährlich, wenn es abrutschte. Der sichere moderne Dosenöffner – der mit den beiden Rädern und dem Drehknebel – stammt erst aus dem Jahr 1925.“

Was Bill Bryson nicht wusste: Vorher gab es schon das Schweizer Taschenmesser. Mit Dosenöffner. Modell 1890 mit Griffschalen aus geschwärztem Eichenholz.

Das Faszinierende: Ein wissenschaftliches Erklärbuch im Sendung-mit-der-Maus-Stil und mit englischem Humor gewürzt. Über all das, was täglich um uns rum ist und was wir täglich benutzen. Ein Loblied auf die alltäglichen Dinge. Den Salzstreuer, den Pfefferstreuer, die Mausefalle, die Treppe (übrigens die größte Falle: da passieren die meisten Unfälle). Ein Loblied auf das Haus: Fest gemauert steht es schon in gleicher Form seit Jahrtausenden, meistens aus Lehm gebrannt. Und gibt uns immer noch Schutz, Geborgenheit, Wohlfülerei, Licht, Wärme und die Möglichkeit, auch im Winter, wenn's regnet oder graupelt ein Buch zu lesen. Geschützt eben. Im Eigenheim.

Also: Unbedingt kaufen und lesen oder kaufen und verschenken. Zum Beispiel an Weihnachten.


Bill Bryson: Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge. Goldmann Verlag (2011), ISBN: 978-3-442-15755-6, 11 Euro.

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Rainer Horn.

 

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