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Württembergische „Nassics”

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Wir zeigen Ihnen Impressionen von der Ralley „Württembergische Classic 2010”.

oder: Wie schaffe ich es, den Wasserstand IN einer motorisierten Badewanne unter dem Wasserstand AUSSERHALB der Wanne zu halten.

15. Württembergische Classic in Prien am Chiemsee,
vom 17. - 20. Juni 2010

Viele weitere Infos und Bilder finden Sie auch unter www.wuerttembergische-classic.de

Ich muss gestehen es fällt heute, 14 Tage danach, bei 32 Grad im Schatten und einer Körpertemperatur nahe dem fiebrigen Bereich schwer, sich an maximal acht Grad mit Dauerregen und einer steifen Brise aus Nord-West, gefühlt zu erinnern. Wohlgemerkt Mitte Juni.

Geladen hatte die „Württembergische Versicherung” mit Organisationsleiter Thomas Schäfer und seinem Team. Schon im Vorfeld konnte man sehen, dass die „Württembergische-Classic” in den Jahren zuvor bei allen Teilnehmern als DIE Oldtimer Rallye in Deutschland Maßstäbe gesetzt hat. Unvergessen die Highlights bei Rallyes und Abendveranstaltungen in den letzten Jahren. Schon Wochen vor Rallyebeginn war die Meldeliste picke packe voll. Mein Tipp für nächstes Jahr: „Der frühe Vogel frisst das Korn”. Also Jungs und Mädels, greift 2011 frühest möglich zum Stift beziehungsweise zur Tastatur und meldet Euch verbindlich an. Ihr könntet wieder was verpassen.

200 Teams, darunter sage und schreibe 30 Vorkriegsboliden, reisten am Mittwoch, den 16. Juni 2010, und Donnerstagvormittag an. Zusammen mit etwa zehn weiteren „Nachkrieglern” in der offenen Klasse, wobei „offen” in diesem Fall wirklich wörtlich zu verstehen ist, hatte der Veranstalter in Zusammenarbeit mit dem Wettergott somit für 40 Teilnehmer in der „Badewannenklasse” mindestens schon meteorologisch die eine oder andere Gemeinheit parat.

Wie bei einer guten Dramaturgie üblich, begann alles noch ganz harmlos. Beim launigen Presse-Kick-Off kamen die Idole unserer Jugend zu Wort. Unter anderem Eberhard Mahle, Berg-Europameister von 1966, Helmut Bross, Deutscher Meister 1968, 1969, 1970 und 1972 und Interserie-Meister 1977, Clemens Schicketanz, zehnfacher Le Mans-Teilnehmer, und Harald Eckl, zweifacher Deutscher Motorrad-Meister, und alles bei immer noch zumindest ziemlich trockenen Bedingungen.

Pünktlich zum Start des Prologs im Strandbad von Priem begann dann, was landläufig verharmlosend als „gelegentliche Schauer” bezeichnet wird. Vom ersten Kilometer an, traumhafte Strecken, Landschaft pur, wenig Verkehr und Prüfungen im 10-Minutentakt. Wir hatten eigentlich alles wonach wir uns gesehnt hatten. In Gedanken tauchen vor meinen Augen blumenübersähte Sommerwiesen vor herrlichen Seenlandschaften auf. Der Himmel strahlt in tiefstem Blau. Ein paar verschwenderisch hingetupfte Wölkchen vor den Bergen des Voralpenlandes lassen das Herz aufgehen. Und mittendrin, ein gutgelauntes Völkchen in Ihren wunderschönen Oldtimern.

Die Teams, vornehmlich in der bezaubernden Vater-Tochter-Klasse, wobei insbesondere SIE mit Ihrem Pepitakopftuch über blondestem Haar und einer unverschämt teuren Sonnebrille jedem Beobachter am Straßenrand ein Lächeln zuwirft, dass den treuesten Vater und Ehemann zumindest an den Rand des Gedankens bringt, Haus und Hof zu verkaufen, um mit dem Erlös wenigstens EINMAL im Leben mit vom Fahrtwind jugendlich zerzaustem Weishaar und die tadellos manikürten Hände in Handschuhen aus Rehfell behütet, einer blonden „Tochter” die Welt zu zeigen.

Irgendwie beginnen mich diese Phantasien zu schmerzen, insbesondere an den Augen. Es ist ein schauerlicher Flash-Back. Die Schmerzen sind höchst profanen Ursprungs. Wir sind zwar mittendrin in dieser wunderschönen Landschaft, pilotieren diese traumhaften Oldtimer, haben in dem einen oder anderen Fall auch jene wunderschöne „Tochter” an unsere Seite.

Aber das Unheil kommt von vorn. Über abgeklappte Brooklandsscheiben schlagen uns Wassermassen auf unsere jugendlichen gestylten Gleitsichtbrillen (ich hätte meinen Augenarzt würgen können nach der Bemerkung: „wir werden halt nicht mehr jünger”). Der Wind pfeift mit 7-8 Windstärken mal von links und mal von rechts durchs Cockpit und im Kopfhörer ist immer wieder die Stimme des Copiloten zu hören: „Du, ich seh’ nix mehr und das Roadbook ist auch so aufgeweicht, ich kann nicht mehr umblättern. Dann macht’s ja nix das die Stoppuhr voll Wasser ist”. Sie denken, dass ist ja furchtbar. Moment, das ganze findet nachmittags um Vier statt, die Gewitterwolken sind so dunkel das auch ein Restlichtverstärker über der jugendlichen Gleitsichtbrille kaum was genützt hätte. Und dann haut es noch 400.000 Volt alle gefühlten 15 Sekunden ringsum in die Landschaft. Wohlgemerkt, wir sitzen in einem Auto dessen Faradayscher Käfig maximal den Tank schützt. Irgendwie beruhigend.

Rettung naht in Form eines richtig üppigen Vordaches eines Feuerwehrgeräteschuppens. Erstmal gerettet. Wir schütten jeder 2 Liter Wasser aus den Ärmeln unseres Ganzkörperkondoms und es gelingt dem Copiloten sogar mittels frühsteinzeitlicher Reibetechnik unser Bordfeuerzeug für 2 jämmerlich genässte Zigaretten in Gang zu setzen. Die Situation entspannt sich zusehends. Wenn man überall klatschnass ist, kann weiteres Wasser keinen mehr Schaden anrichten. Auch die Sicht nimmt deutlich zu, man kann schon den gegenüberliegenden Straßenrand erkennen. Was hält uns noch, also los. Das schützende Vordach verlassen und wieder rein in die Sch.... „Die Prüfung wird sowieso neutralisiert”. Dieser kühne Gedanke motiviert Co- und Pilot, der Rest des Tages wird damit zum Kinderspiel.

Nach dem Zieleinauf im Zustand nahe einer 400-jährigen Moorleiche noch das Highlight des Tages: Organisationsleiter Thomas Schäfer auf meine Frage ob eben diese „Gewitter-/Tornado-/Überschwemmungsprüfung” möglicherweise neutralisiert würde.
„Ha noi, i hann euch gsäh, s`isch doch guad ganga danooch.”  Ich fühle mich geadelt, aufgenommen in den Club der 400-jährigen Moorleichen mit Gleitsichtbrille und abgeklappten Brooklands. Leider nicht mit Tochter. Stefan verzeih mir.

Im abendlichen Rallyeübernachtungsquartier, einer Wohnung im Stil: Ferien auf dem Bauernhof (established 1955), gibt unser Herbergsvater grenzenlos optimistische Wetterprognosen zum Besten. Herrlich übrigens, nach so einem eiskalten Rallyetag abends eine heiße Dusche zu nehmen. Dumm nur, wenn die Heißwasserversorgung der „Wohnung auf dem Bauernhof” durch einen Warmwasserboiler gespeist wird der morgens angeschaltet werden sollte. Na gut, Kaltwasser waren wir gewöhnt.
Nach erfolgter Grundreinigung hebt sich die Stimmung mit der Anzahl der Biere ins „Voralpenländlich folkloristische Weiß-Blau” Zumindest letzteres haben wir danach schon mal geschafft. Herrlich der bayrische Abend des ersten Rallyetages. Nach der Begrüßung durch Dr. Jochen Kriegmeier, Vorstandsmitglied Württembergische Versicherung AG und Württembergische Lebensversicherung AG, begann im Festzelt direkt am Ufer des Chiemsees, die Welcome-Party mit den Jetzendorfer Hinterhofmusikanten. Unfassbar, nach Einmarsch im Stil einer bayrischen Umba Umba Blasmusikkapelle, drehten die Jungs mit Rock- und Poptiteln dermaßen auf, dass das Zelt bebte bis weit nach Mitternacht. Ich fürchte, die eine oder andere Siegchance wurde im „Weiß-Blauen Taumel” geopfert. Großartig was Hüftprothesen heutzutage tanzmäßig aushalten.

Nächster Tag: Der Seen-Marathon. 330 km über Bad Reichenhall zum Gaisberg. Ein Besuch bei Sisi in Fuschl am See, zum Wolfgangsee, Mondsee, Attersee, Obertrumer See, Mattsee, nach Waging am See. Sie ahnen schon, Wetterprognosen von Herbergsvätern sind so verlässlich wie Aussagen unserer Politiker zu Steuersenkungsprogrammen. Sisi hat uns noch erhört, lediglich das leichte Oberbekleidungsprogramm war gefragt. Im Vergleich zum Donnerstag nahe am „Voralpenidyll”. Die 8 Grad Temperatur haben wir jugendlich lächelnd weggesteckt. Aber danach. Wieder war das ganz große Geschirr gefragt. Dumm nur, dass bei nächtlichen fünf Grad Außentemperatur die Trocknung der Klamotten nur sehr marginal erfolgte.

Ich habe es irgendwann schon einmal erwähnt. Ach ja, nach einer Winterrallye im offenen Oldtimer bei minus 15 Grad. „Man muss nicht notwendigerweise völlig verrückt sein um das hier zu machen. Aber es hilft ungemein.” Auch beim Seenmarathon kam mir immer wieder der Gedanke, vielleicht fahren wir doch DURCH den See statt UM den See.

Am Abend beim Zieleinlauf die nächste Klatsche. Michael Hagemann, kongenialer Streckensprecher  vieler hochrangiger Oldtimerrallyes. Meine Damen, diese Stimme, einfach mal mitfahren und zuhören. „Der Herr Münzenmaier, in dem Alter so eine straffe Gesichtshaut!” Himmel hilf, 40.000 Liter Spritzwasser vermengt mit Dreck und Schmodder bei 120 km/h direkt in die brooklandsabgeklappte Visage. Alles brennt, die Augen tränen, aber straff. Na gut, wir nehmen`s sportlich.

Letzte Etappe am Samstag. Begrüßung durch Dr. Alexander Erdland, Vorstandsvorsitzender der Wüstenrot und Württembergische AG, dem Bayerischen Finanzminister Georg Fahrenschon mit seiner Gattin Karin, Klaus Stöttner, MdL, sowie Priener Verbände und Unternehmer in der Casa Kronast auf dem Marktplatz. Dr. Alexander Erdland übernahm selbst das Steuer eines Ford Mustang von 1965 und fuhr die gesamte Tagesetappe mit. Die Route führte nach Wasserburg am Inn und über Neuötting, wo die Teilnehmer vom stellvertretenden Bürgermeister Karl-Heinz Niederhammer begrüßt wurden, nach Burghausen zur Mittagspause auf dem Stadtplatz. Über das Städtchen Seeon gelangten die Teilnehmer schließlich wieder zurück nach Prien, wo sie von Regen-resistenten Zuschauern herzlich empfangen wurden.

Was folgte war wirklich Balsam für unsere durchnässten Seelen. Samstagabend - Galaabend. Siegerehrung mit einem grandiosen Menu. Sie haben richtig gelesen: Mehrgängiges Menu, entspannt serviert am Tisch von einem absolut professionellen Team. Grandios. Eben gerade nicht dieses gemeinsame herdenhafte Tellerfüllen an regelmäßig zu kleinen Buffetts. Ach ja, unser weiß-blau alpenländisches Bierzelt vom bayrischen Abend war nicht mehr wieder zu erkennen. Chic und Atmosphäre pur, edel und ausgesucht geschmackvoll dekoriert. Während der einzelnen Gänge wurden die Klassensieger perfekt geehrt, jeder bekam seinen Siegerpokal von überaus adretten Mitarbeiterinnen an den Tisch gebracht. Kein Gerenne zur und von der Bühne. Einfach genial. Höhepunkt nach dem Essen, die Ehrung der Gesamtsieger, Gänsehaut pur. Von überirdischen Wesen von Ihren Tischen zur Bühne geleitet, grandiose Musik, Spotlights und pyrotechnische Effekte im Stile eines Rockkonzerts. Ich erinnere nochmals an die Meldefrist für nächstes Jahr. Sie zu verpassen gehört zu den größten Dussligkeiten.

Bei allem Jammern über das Wetter der diesjährigen Württembergischen Classic sei auch noch folgendes erwähnt. Programm, Routenführung, Prüfungen, Bordbuch, Zeitnahme inclusive Auswertung dieser Rallye. Absolut professionell. Dazu das Team um Thomas Schäfer, jeder einzelne hat das Sch....wetter einfach weggelächelt. Hut ab und ganz großes Dankeschön. Ihr habt Maßstäbe gesetzt.

Michael Münzenmaier

 

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